Vom 24. bis 26. Mai 2017 kam in Essen der 68. Deutsche Anwaltstag zusammen. Dabei stand ein Thema im Mittelpunkt, das seither weiter an Relevanz gewonnen hat: Legal Tech. Der Grundgedanke von Legal Tech ist, einzelne Arbeitsprozesse, aber auch ganze Rechtsdienstleistungen, teil- oder vollautomatisiert ablaufen zu lassen, um eine Effizienz- und/oder Qualitätssteigerung zu erzielen. Der Einsatz von Legal Tech kann dabei auch einen Paradigmenwechsel bedeuten: Rechtsberatung wird nicht mehr als ausschließlich individuelle Dienstleistung, sondern als (zumindest teilweise) skalierbares Produkt betrachtet.
Der Essener Anwaltstag, der unter dem Motto „Innovationen & Legal Tech“ stand, setzte sich das Ziel, die Welt des Legal Tech über ein thematisch breit angelegtes Vortrags- und Workshopangebot zu erschließen. Es waren Veranstaltungen im Programm, die reale Anwendungsbeispiele und Herausforderungen in bestimmten Rechtsgebieten behandelten. So bot die DAV Arbeitsgemeinschaft Informationstechnologierecht unter der Überschrift Digitale Realität und rechtliche Sachverhalte – Wie Smart Contracting die Beratung und Vertretung verändert eine Vortragsreihe mit Best Practice-Beispielen an. Auch das Thema Industrie 4.0 bzw. „Rechtsabteilung 4.0“ kam zur Sprache. Zugleich richtete der Anwaltstag den Blick auf das Morgen und das Übermorgen der Rechtsberatung, etwa mit einer Präsentation zu IBM Watson, einem Computerprogramm aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz. KI-Systeme wie Watson werden als Legal Tech-Anwendungen der Stufe 3.0 klassifiziert. Damit sind IT-Lösungen gemeint, die perspektivisch nicht nur eng abgegrenzte, relativ simple Rechtsdienstleistungen automatisiert abwickeln, sondern nach einem „Lernprozess“ eigenständig sinnvolle Aussagen zu komplexen Rechtszusammenhängen treffen – letztlich also eigenständig Rechtsberatung leisten können.
Ob Systeme wie IBM Watson als Konkurrenten oder als Assistenten der Anwaltschaft zu betrachten sind, dazu gingen die Meinungen auseinander. Dass in der Anwaltschaft Legal Tech aber eher weniger als Chance gesehen wurde, das belegte eine Umfrage, die das Soldan Institut ebenfalls 2017 durchführte: Immerhin 44 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass Legal Tech vor allem Nicht-Anwälten nutzen und Rechtsanwälte aus dem typischem Anwaltsgeschäft verdrängen werde. Daneben stimmten nur 33 Prozent der Aussage zu, dass die Anwaltschaft sich Legal Tech zunutze machen könne. Die Studie zeigte außerdem, dass sich analog zur Gesamtbevölkerung auch die Anwaltschaft in sogenannte Digital Immigrants und Digital Natives aufteilte. Letztere, nach der gängigen Definition nach 1980 geborene Personen, schätzten die Möglichkeiten, die Legal Tech bietet, deutlich positiver ein als ältere Befragte.